Experimente
Meinungen
statt Argumente*
Gruppen
sollten bessere Entscheidungen als Einzelpersonen treffen, weil sie über
mehr Wissen und Expertise verfügen. Dieser Vorteil ist besonders dann
bedeutungsvoll, wenn einzelne Gruppenmitglieder über Informationen verfügen,
die andere noch nicht kennen. Diese Erwartung wird aber nicht immer erfüllt,
da Gruppen Einflussfaktoren ausgesetzt sind, die eine sorgfältige
Informationsnutzung verhindern können. Ein solcher negativer Faktor
besteht darin, dass Diskussionsteilnehmer dazu neigen können, einseitig
zu argumentieren: Nur solche Argumente werden vorgebracht und beachtet,
die eine bestehende Meinung stützen (Stasser, 1988).
Ob
„neue“ Information genutzt wird, lässt sich experimentell
untersuchen, wenn Wissen ungleichmässig auf die Diskussionsteilnehmer
verteilt wird und die objektiv beste Wahlmöglichkeit von den Individuen
nicht als Beste erkannt werden kann – „hidden profile“. (Stasser,
1988; Stasser & Titus, 1985). Angenommen, es stehen zwei Alternativen
A und B zur Auswahl. Für A sprechen drei Argumente (a1 bis a3) und für B
zwei Argumente (b1 und b2). Gruppenmitglied 1 kennt die Argumente a1, b1
sowie b2, Gruppenmitglied 2 die Argumente a2, b1 sowie b2 und
Gruppenmitglied 3 die Argumente a3, b1 sowie b2. Die Gruppe wird ein
richtiges Urteil nur dann fällen, wenn alle Argumente für die
Alternative A genannt und berücksichtigt werden.
Erkennen
Gruppen „hidden profiles“? In einem Experiment untersuchten Stasser
und Titus (1985), wie (gut) Gruppenmitglieder mit falschen Überzeugungen
neue Information nutzen. Gruppen erhielten die Aufgabe, aus drei Bewerbern
den geeignetsten Kandidaten auszuwählen. Aufgrund der
Informationsverteilung vermittelte Bewerber B allen Gruppenmitgliedern den
Eindruck, der beste Kandidat zu sein. Wenn alle Informationen
zusammengenommen wurden, war aber Bewerber A, die objektiv beste Wahl.
Unter Kontrollbedingung – das heisst im Falle vollständig informierter
Versuchspersonen – entschieden sich 85% der Gruppen für den Kandidaten
A. In der „hidden profile“-Situation waren es dagegen nur 18% der
Versuchsgruppen, welche die neue Information nutzten und Kandidat A wählten.
Damit scheinen neue Argumente einer „richtigen“ Meinung nicht
automatisch zum Durchbruch zu verhelfen.
In
diesem Experiment wurde untersucht, ob es möglich ist, einseitiges
Argumentieren abzuschwächen. Zu diesem Zweck wurde geprüft, ob Gruppen
bessere Entscheidungen fällen, wenn sie an eine Entscheidung herangehen
mit dem primären Ziel, Fakten zu sammeln – statt zu urteilen. Um diese
Hypothese zu überprüfen, wurden 18 Versuchsgruppen eine
betriebswirtschaftliche Fallstudie vorgelegt. Dabei musste aus drei
Dienstleistungsfirmen (A, B, C) die im Hinblick auf fünf Kriterien
geeignetste Organisation ausgewählt werden. Die einzelnen Argumente für
oder gegen die drei Firmen wurden ungleichmässig auf die jeweils drei
Diskussionsteilnehmer verteilt, so dass vor der Diskussion alle eine
andere (Firma B) als die objektiv beste Wahlmöglichkeit (Firma C)
bevorzugen mussten. Nach einer individuellen Vorbereitung von 20 Minuten
hatten die Gruppen für die Argumentationssuche bzw. die
Entscheidungsfindung maximal 40 Minuten Zeit.
Die
Erwartung, dass Gruppen, die zunächst Fakten sammeln und dann eine
Empfehlung abgeben, eher auf die Komplementarität ihres Wissens
aufmerksam würden als reine Entscheidungs-Gruppen, wurde nicht erfüllt.
Von sechs Gruppen mit Faktensuch-Vorgabe wählte nur eine die objektiv
beste Lösung. Die „Fakten-Gruppen“ waren damit nur unwesentlich
besser als die zwei mal sechs Kontrollgruppen, bei denen eine einzige
Gruppe die richtige Lösung fand. Die überwiegende Mehrheit aller
Entscheidung beruhte somit auf den anfänglichen Meinungen der
Gruppenmitglieder und nicht auf Fakten.
*
Roetheli, C. (1997). Opinions are more
important than Arguments: Judgmental Confidence as Reason for Errors in Group
Decision-Making. Paper presented at the Fifth European Congress of
Psychology, Dublin. (PDF 36 KB)
Wann
wissen wir genug? Stopp-Mechanismen bei komplexen Entscheidungen**
Zwei
mögliche Stopp-Mechanismen stehen im Mittelpunkt dieser Studie. Der erste
Mechanismus – Urteilssicherheit – beruht auf der Idee, dass
Menschen solange Informationen suchen und verarbeiten, bis sie ein genügend
hohes Mass an subjektiver Sicherheit erlangt haben (Chaiken, Liberman
& Eagly, 1989). Der zweite Mechanismus – Satisficing –
basiert auf der Vorstellung, dass Menschen solange Informationen suchen und
verarbeiten, bis sie eine Lösung finden, die „gut genug“ ist (Simon,
1955, 1956).
In
zwei Experimenten wurde untersucht, ob Versuchspersonen in der Rolle von Führungskräften
ihre definitiven Urteile eher fällen, wenn sie sicher genug sind oder
eher dann, wenn Lösungen gut genug sind. 19 erfahrenen und 35 angehenden
Managerinnen und Managern wurden zwei Fallstudien vorgelegt – eine
Personal- und eine Informatikentscheidung –, in denen sie je eine verhältnismässig
wichtige und eine weniger wichtige Entscheidung treffen mussten. Die
Versuchspersonen konnten bis zu drei kostenpflichtige Informationsberichte
beziehen und nach deren Lektüre wählen, ob sie ein definitives Urteil
abgeben oder weitere Informationen beziehen wollen. Die Probanden wurden
nach der Lektüre der Problembeschreibung gefragt, wie sicher sie bei der
Entscheidung sein möchten, die beste Lösung gefunden zu haben, und wie
gut diese Lösung sein müsste. Nach der Bearbeitung jedes Berichts wurden
die Urteilssicherheit und die Qualitätseinschätzung der bevorzugten
Option erfasst.
Geprüft wurde, ob das Ende der einzelnen
Entscheidungsprozesse besser aufgrund des Sicherheits-Defizits (gewünschte
minus aktuelle Urteilssicherheit) oder der Qualitäts-Lücke
(Anspruchsniveau minus Qualitätseinschätzung) vorhergesagt werden kann.
Das Sicherheitsdefizit machte in 81% der Fälle und die Qualitäts-Lücke
in 75% der Fälle richtige Vorhersagen.
Die
Ergebnisse zeigen, dass komplexe Auswahl-Entscheidungen eher dann beendet werden,
wenn Menschen sicher genug sind, als wenn Lösungen für gut genug
befunden werden. Wird das Kosten-Nutzen-Verhältnis als Massstab genommen,
dann zeigt sich, dass knapp die Hälfte der erfahrenen Versuchspersonen
bei der weniger wichtigen Entscheidung auf eine sehr hohe Sicherheit
abzielten und zuviel Zeit und Geld investierten. Im Entscheidungsalltag
sollten wir uns deshalb öfter einmal fragen, ob wir bei weniger wichtigen
Dingen nicht etwas mehr Ungewissheit zulassen sollten, um mit der
eingesparten Zeit mehr Sicherheit bei wichtigeren Entscheidungen zu
erzielen.
**
Roetheli,
C. (2002). Wann wissen wir genug? Stopp-Mechanismen
bei komplexen Entscheidungen. Dissertation, Zürich.
Inhaltsverzeichnis
und Vorwort. (PDF 74
KB)
I
Theoretische Ausgangspunkte: (1) Stopp-Mechanismus Urteilssicherheit,
(2) Stopp-Mechanismus Satisficing. (PDF
230 KB)
II
Empirische Analysen: (3) Ein Experiment mit unerfahrenen Entscheidern,
(4) Ein Experiment mit erfahrenen Entscheidern.
(PDF 407 KB)
III
Fazit: (5) Stopp-Mechanismen im Test, (6) Zusammenhänge zwischen den
Variablen, (7) Wann sollten wir genug wissen? (8)
Methodische Kritik und weiterführende Forschung, (9) Zusammenfassung
und Literatur.
(PDF 232 KB)