Wann wissen wir genug? Stopp-Mechanismen bei komplexen Entscheidungen
Chris Roetheli, Dissertation Universität Zürich
Zwei mögliche Stopp-Mechanismen stehen im Mittelpunkt dieser Studie. Der erste Mechanismus – Urteilssicherheit – beruht auf der Idee, dass Menschen solange Informationen suchen und verarbeiten, bis sie ein genügend hohes Mass an subjektiver Sicherheit erlangt haben (Chaiken, Liberman & Eagly, 1989). Der zweite Mechanismus – Satisficing – basiert auf der Vorstellung, dass Menschen solange Informationen suchen und verarbeiten, bis sie eine Lösung finden, die „gut genug“ ist (Simon, 1955, 1956).
In zwei Experimenten wurde untersucht, ob Versuchspersonen in der Rolle von Führungskräften ihre definitiven Urteile eher fällen, wenn sie sicher genug sind oder eher dann, wenn Lösungen gut genug sind. 19 erfahrenen und 35 angehen-den Managerinnen und Managern wurden zwei Fallstudien vorgelegt – eine Personal- und eine Informatikentscheidung –, in denen sie je eine verhältnismässig wichtige und eine weniger wichtige Entscheidung treffen mussten. Die Versuchs-personen konnten bis zu drei kostenpflichtige Informationsberichte beziehen und nach deren Lektüre wählen, ob sie ein definitives Urteil abgeben oder weitere Informationen beziehen wollen. Die Probanden wurden nach der Lektüre der Problembeschreibung gefragt, wie sicher sie bei der Entscheidung sein möchten, die beste Lösung gefunden zu haben, und wie gut diese Lösung sein müsste. Nach der Bearbeitung jedes Berichts wurden die Urteilssicherheit und die Qualitätseinschätzung der bevorzugten Option erfasst.
Geprüft wurde, ob die Länge der einzelnen Entscheidungsprozesse eher durch das Sicherheits-Defizit (gewünschte minus aktuelle Urteilssicherheit) oder eher durch die Qualitäts-Lücke (Anspruchsniveau minus Qualitätseinschätzung) vorhergesagt werden kann. Das Sicherheitsdefizit machte in 81% der Fälle und die Qualitäts-Lücke in 75% der Fälle richtige Vorhersagen.
Die Ergebnisse zeigen, dass komplexe Auswahl-Entscheidungen eher dann beendet werden, wenn Menschen sicher genug sind, als wenn Lösungen für gut genug befunden werden. Wird das Kosten-Nutzen-Verhältnis als Massstab genommen, dann zeigt sich, dass knapp die Hälfte der erfahrenen Versuchspersonen bei der weniger wichtigen Entscheidung auf eine sehr hohe Sicherheit abzielten und zuviel Zeit und Geld investierten. Im Entscheidungsalltag sollten wir uns deshalb öfter einmal fragen, ob wir bei weniger wichtigen Dingen nicht etwas mehr Ungewissheit zulassen sollten, um mit der eingesparten Zeit mehr Sicherheit bei wichtigeren Entscheidungen zu erzielen.